Mystik

Interreligiös und antiautoritär

Für die Lösung dessen, was ich die religiöse Frage an sich nennen möchte, stellt Mystik eine Antwort, möglicherweise auch die gültige Antwort dar.

+ Mystik kann, wenn das wirklich gewollt ist, die religionsübergreifende Verbrüderung der Menschen, aber auch den Zusammenschluss aller der unterschiedlichen religiösen Systeme ermöglichen.

Mystik, die sich als Überbau über oft rigide Religionsstrukturen verbreitete, hat bereits in der Vergangenheit – hier und dort und so ziemlich überall – lebensfeindliche Klerikalsysteme gemildert und mit Toleranz umhüllt.

+ Mystik – ihr wohnt eine Tendenz inne, steile Hierarchien, wie sie die Funktionäre der Religionssysteme schätzen, flach zu schleifen. Mystik war schon immer eine Sache der individuelle Persönlichkeit (selbst wenn dies im Rahmen mystische Übungen versuchen gerade ihre Individualität weitestgehend ein- und unterzuordnen). Offizielle Vertreter von Religionssystemen haben daher von jeher eine starke Aversion gegen Mystik gehegt und hegen sie immer noch. Mystiker wurden im Rahmen vor allem von staatstragenden Gruppierungen, die sich als christlich oder islamisch bezeichneten, als Ketzer verfolgt und oft auch umgebracht. Heute, da beispielsweise die Kirchen nicht mehr auf die Hilfe „des weltlichen Armes“, also von Staatsorganen rechnen können, um die „Abweichler“ auszumerzen – was durchaus nicht heißt, das sie das nicht liebend gerne täten, wenn sie nur könnten - , haben mystische Strömungen durchaus die Chance global die Welt zu durchwirken. (>>> Mystik im Islam).

God is the light of the heavens and the earth. The Light is sourrounded by a glas.  The glas is like a twinmkling Star.  Koran Sura 24,35
God is the light of the heavens and the earth. The Light is sourrounded by a glas. The glas is like a twinmkling Star. Koran Sura 24,35

Gott ist das Licht der Himmel und der Erden.

Sein Licht ist wie eine Nische, die eine Leuchte birgt.

Die Leuchte umgibt ein Glas.

Das erscheint wie ein funkelnder Stern.

Koran Sure Al-Nur 24,35

 

Aber was ist denn nun Mystik?

Obwohl die Erscheinungsformen der Mystik äußerst vielfältig sind, lassen sich einige Grundzüge der Mystik darstellen:

+ Persönliches Erleben der Wirklichkeit Gottes (oder des alles überragenden Universalen). Der individuelle Mensch erfährt Gott (das Jenseitig).

Die Rolle des Priesters (Ponitfex = Brückenbauer, der den „Draht“ zur jenseitigen Welt vermittelt), verliert an Bedeutung. Das Gotteserlebnis des Einzelnen wird wichtiger, als die Gewährung des Zugangs zum Göttlichen durch den Priester.

+ Hereinbruch des Göttlichen (Universalen) in das Hier und Heute dieser Welt. Das Jenseitige überwältigt diesseitige Wesen. (Damit meine ich zunächst menschliche Wesen, möchte mir aber nicht anmaßen die Tier- und Pflanzenwelt auszuschließen. Das ist es, was Jesus meint, wenn er vom Himmelreich spricht. Das Himmelreich bricht über den Menschen herein und wirkt in ihm.

+ Es ist eine Erfahrungen, die sich in der Innenwelt des Menschen ereignet.

(In Religionen ohne personales Gottesverständnis, in denen das Universale als das Überwältigende schlechthin angesehen wird, ist es die Erfahrung der All-Einheit.)

Innerweltliche Erfahrungen sind spirituelle Erfahrungen. Interessanterweise bemerkt Paulus (2. Kor. 12,1-5 ) über seine Schau des dritten Himmels, dass er nicht wisse, ob diese sich körperlich oder außerkörperlich abgespielt hat. Er gibt also bemerkenswerter Weise in schöner Bescheidenheit, die ihn ansonsten eher weniger auszeichnete, zu, dass er nicht wisse, ob diese Erfahrung real war oder spirituell.

+ Ein wirksamer Auslöser für das mystische Erleben ist die Begegnung mit dem Numinosen (von numen = übernatürliches Wesen).  Der Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto (in „Das Heilige“, 1917) hat die Urerfahrung des Religiösen beschrieben als etwas, das zugleich Faszination (mysterium fascinans) und Erschauern (mysterium tremendum) auslöst. Man fühlt sich also etwa von einer erhabenen Landschaft, einem Naturerlebnis, einem beeindruckenden menschlichen Antlitz, einem Traum oder auch einer eigenen Innenschau zugleich magisch angezogen und doch auch verwirrend erschreckt. Man will sich dem Numinose einerseits hingeben, hat andererseits auch die Tendenz in sich darvor davonzulaufen.

+ Mystik ersehnt und mag unter besonderen Umständen auch erfahren die "unio mystica" als die Vereinigung der individuellen Seele mit dem Göttlichen, aber auch mit dem als göttlich durchwirkt angenommenen All. Unter All ist zu verstehen das „Du“: Alles was nicht ich bin. Das heißt das Ich und das Du vereinigen sich zu einer Einheit (ozeanisches Gefühl). Dabei kann stellvertretend für das mich umgebende All auch ein winziger Teil desselben stehen. Ich fühle mich vereint mit dem singenden Vogel auf einem Zweig, dem Inhalt eines Gemäldes oder auch einem mir gegenübersitzenden Menschen.

+ Die mystische Erfahrung vor allem in der Form der Vereinigung gilt als Vorwegnahme der endgültigen Vereinigung mit dem, was nicht beschrieben werden kann, dann, wenn die Welt um mich herum vergeht. .

Jesus am Kreuz verkörpert die beiden gegensätzliche Seiten der Grund-Erfahrung des Religiösen.

+  Der Gekreuzigte läßt uns schaudern, weil er Leid und  Tod verkörpert.  

+ Der Gekreuzigte fasziniert uns im Hinblick auf die für uns bereits gewisse Auferstehung.

Im Bild des Gekreuzigten erscheinen uns Tod und Leben. 

Uns widerfährt zugleich erhabene Faszination und erschütterndes Erschauern.

Der Mystiker

Ein Mystiker ist jemand, der in sich die Sehnsucht nach Einheit mit dem Göttlichen, mit dem All, mit der Menschheit trägt.  Das genügt. 

Das heißt, dass ihr oder ihm nicht unbedingt mehr oder minder ausgeprägte Verschmelzungserlebnise wiederfahren müssen.  Die Sehnsucht danach und die Beschäftigung damit - das ist es, was den Mystiker ausmacht.  Mancher wird Einheitserfahrungen - möglicherweise in Verzückung - erleben.  Manch anderer wird sich mit der Sehnsucht danach begnügen müssen.  

Eure Meinung zum Thema Mystik könnt Ihr äußern:  >>> Hier geht es zur Diskussion!

Und wie kann ich Mystik leben???

Dafür gibt es keinerlei Regeln. Dass sind einerseits mehr kontemplative mystische Erfahrungen, andererseits aber auch ekstatische Erregungszustände. Mystische Erfahrungen – das ist eine ganze Welt für sich:

+ Spontane Mystik.

Das mystische Erlebnis tritt ein unerwartet und ungeplant, ohne das es bewusst eingeleitet wurde. Das Gefühl ozeanischer Weite, das uns einbezieht in Alleinheit, mag uns überwältigen – etwa angesichts einer erhabenen und erschütternden Landschaft, beim unvermuteten Erscheinen eines Lebewesens, das uns begeistert und erschreckt, in der Hingabe an ergreifende und aufwühlenden Rhythmen und Melodien. Auch Liebesimaginationen (Wachträume) gehören hierher. Das wäre die kontemplative Seite der Mystik.

Oder jemand fällt ganz spontan in Trance. Sofern dieser besondern Zustand als Inbesitznahme des menschlichen Körper durch ein höheres Wesen aufgefasst wird, geht es um die Vereinigung eines Überwesens mit einem Menschen. Und das ist eine mystische Erfahrung. Trance kann man als die ekstatische Seite der mystischen Praxis ansehen.

Näheres über Trance unter >>> www.zukunft-irular.de HIER

+ Das mystische Erlebnis wird forciert herbeigeführt. Man wendet also bestimmt Methoden an um ein Einheitserlebnis zu verwirklichen. Das kann das Rezitieren von Gebeten oder auch Beschwörungen sein. Üblich ist auch sich kontemplativer Stille auszusetzen oder zu meditieren. In Frage kommen auch mehr oder wenigere extreme körperliche Übungen (Yoga).

Speziell zur Anregung von Trance kann anstachelnde Musik (Trommelrythmen), schnelles rhythmisches Tanzen, aber auch willentliche Hyperventilation (pressendes Einatmen zur Überversorgung der Lunge mit Sauerstoff) dienen. Ein Bad in einer aufgeregten Menge, die mit voller Absicht Ekstase zu provozieren trachtet, löst ebenfalls Trance aus.

Um kontemplative oder ekstatische mystische Erfahrungen zu erreichen werden auch Rauschmittel und Drogen herangezogen.

+ Das mystische Erlebnis wird durch Konzentration (fast ohne Hilfsmitteln) eingeleitet. Das geschieht in der Selbstversenkung im Gebet oder durch bestimmte Rituale.

Spontaneous Trance during a religious festival in the North of Bali
Spontaneous Trance during a religious festival in the North of Bali

Spontane Trance einer Tänzerin bei einem Tempel-fest im Norden von Bali.  Sie fühlt sich von der Gottheit ergrif-fen.  Die Gottheit steuert ihren Körper.

Im Falle von Trance sind es vorwiegend Heiler, religiöse Leite, Seelengeleiter (Schamanen), die sich selbst auf diese Weise in Trance zu versetzen vermögen, aber auch selbst willentlich wieder aus der Trance aussteigen können. Sie dienen als Mittler zwischen einer jenseitigen Macht und Menschen die Hilfe suchen (wegen Krankheit, Familienproblemen u.s.w)

 

Mehr über Trance >>> Hier: http://www.zukunft-irular.de/neue-seite-6/.

Femal Healer from Ubud, Bali. She is just conveying the advices of the Divine power to a sick person.
Femal Healer from Ubud, Bali. She is just conveying the advices of the Divine power to a sick person.

Balian (schamanische Heilerin) aus Ubud, Bali. Sie hat sich selbst mit Gebeten in Trance versetzt um einer Heilung suchenden Patientin die Ratschläge der Gottheit zu übermitteln.  Anschließend führt sie sich auch selbst wieder aus der Trance heraus. 

Schamanische Heiler sind in der Lage die Trance bei sich selbst auszulösen und auch wieder abzuschalten.    

Unwirklich oder wirklich?

Können wir sicher sein, dass die gefühlte Vereinigung, ja Verschmelzung mit dem alles überwältigendem jenseitigen Du, dass die Erfahrung von All-Einheit Wirklichkeit ist? Kann sie nicht Selbsttäuschung sein?

Eins müssen wir wissen: Wirklich sicher sein können wir nicht! Sicher zu sein wäre für uns auch nicht gut. Menschen mit umfassender mystischer Erfahrung würden, wenn sie all dessen, was ihnen widerfährt, sicher sein könnten, der Versuchung sich allen andern überlegen zu fühlen, kaum entziehen können. Es ist besser für uns, dass immer ein Rest an Unsicherheit bleibt, und dass wir verpflichtet sind rational zu durchdenken und zu überprüfen, was wirklich dahinter steckt, wenn uns eine als mystisch erscheinende Erfahrung geschenkt wird.

Misstrauen ist insbesondere angebracht, wenn mystische Erfahrung mit Hilfsmitteln gewollt herbeigeführt werden soll. Gelegentlich werden ja Drogen angewandt. Vermutlich sind die damit zu erreichenden Zustände eher als Drogenwahn, denn als mystische Erfahrung zu werten.

Als Anhänger der Mystik leben

Die Lebensweise des Mystikers oder auch des nur an Mystik Interessierten ist darauf gerichtet, das Eintreten mystischern Verfahren zu begünstigen. Aber auch dafür gibt es kein einheitliches Rezept. Die Mystik verpflichtet letztlich nicht zu einer bestimmten Lebensform. Der mystisch Interessierte verhält sich so, wie er meint, er käme am besten zur Verschmelzung mit der Gottheit.

+ Einige sehen in der Askese die geeignete Lebensform dazu.

+ Andere sind eher dafür mit Genuss zu essen und zu trinken. Zu denen gehören übrigens Buddha und nach eigenem Bekunden auch Jesus. (Beide hatten sich nach asketischen Vorerfahrungen von der Askese abgewandt.)

+ Sehr oft werden ekstatische Höhepunkte gesucht. Dazu gehört der Bereich der Trance.

+ Erotik als mystische Praxis spielt eine Hauptrolle in den tantrischen Formen von Hinduismus und Buddhismus. Doch auch Judentum, Christentum und Islam ist das nicht ganz fremd.

Zum einen wird das sich liebende Paar als Bild der Vereinigung von Gottheit und Mensch verstanden. Dies wird im „Hohenlied“ der Hebräischen Bibel, dem eine opulente erotische Farbigkeit eigen ist, so gesehen.

Zum anderen wir auch die Verschmelzung von Gott und Mensch als erotisches Erlebnis erfahren. So erlebt es in der mystischen Ekstase beispielsweise Theresa von Avila.

Der Mystiker kann weltabgewandt sei, muss es aber nicht und so spricht alles dafür, dass er sich der Welt zuwendet.

Mir scheint sogar Weltabgewandtheit dem Sinn der Mystik, die ja auf Vereinigung des ich mit dem Du hin angelegt ist, zu widersprechen.

Kann nicht das Erlebnis der Einheit zwischen Gott und Individuum, aber auch zwischen Gottheit und Menschheit die Basis bilden für soziales Tun? Und kann nicht soziales Tun auch mystische Erfahrung auf symbolisch Weise ersetzten? Schließlich müssen wir uns auch darüber im Klaren sein, dass direkt mystische Erfahrung nicht jedem gegeben ist. Aber sozial kann sich jeder betätigen und dadurch die äußere Einheit der Menschen vorantreiben.  

Wachman befor a temple in Bali.  The black and white cloth point to the Divine unity of all opposites.
Wachman befor a temple in Bali. The black and white cloth point to the Divine unity of all opposites.

Saput poleng: 

Das  schwarzweiße Hüfttuch des Wächters vor einem Tempel in Bali weist hin auf die göttliche Einheit aller Gegensätze (rua bineda).  Das in Tempeln und bei Zeremonien getragene Tuch gilt als das heiligste Objekt überhaupt, weil es die äußerste Erkenntnismöglichkeit des Menschen bedeutet.

Die Gegensätze von Licht und Finsternis, heilvoll und unheilvoll, Berg und Meer, Leben und Tod kann der Mensch noch erkennen.  Dass die Gegensätze in der göttlichen Wirklichkeit eine Einheit bilden, kann er erahnen, aber nicht deutlich sehen.  Der Zerfall der großen Einheit der Gegenätz bedeutet die Erschaffung der Welt.  Darüber hinaus könne wir mit unseren Sinnen nicht gelangen.  Es ist eine Schwelle, die nicht überschritten werden kann.  

ICH sind WIR

Eine Frage kann durchaus ein ernstes Problem werden: 

Wenn ICH zum WIR werde, indem ICH mit dem DU verschmelze, muss ICH dann mein ICH aufgeben?

Nein - dass müssen WIR nicht!  Das sollen WIR nicht!  Dass dürfen WIR auch gar nicht! Denn, wenn unser ICH die Randzone der äußersten Wirklichkeit (ultimate reality) berührt, wird es eingebunden in die Sphäre des Paradoxen.  Die Gottheit ist das Paradoxe schlechthin, das alle Gegensätze, die uns Unwissenden unvereinbar erscheinen, in sich vereint.  

Und so werden wir durch das eins werden mit dem DU zum WIR innerhalb dessen jedoch unser ICH weiterhin sein Wesen treibt.    

Nicht zu viel erwarten!

Wer sich mit der Mystik einlässt, muss eines wissen: Er kann niemals die Gewissheit haben, selbst überwältigende mystische Erfahrung zu machen. Das kann geschehen, aber es kann auch ausbleiben.  Auch die winzigen Blüten am Wegesrande können einen schönen Duft verbreiten.  Mystische Erfahrung kann auch „nur“ darin bestehen, dass man plötzlich eine Gewissheit erlangt, in einer bestimmten Situation das Richtige zu tun.

Ein indonesisches Dichter spricht einmal vom Wispern Gottes, das wir ganz tief in unserem Inneren vernehmen.  Das ist es.  Mehr kann sein, aber mehr braucht es nicht.

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Von KATHARINA CEMING.  Weitere Infos:  Aufs Bild drücken!
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Die Bücher von Günter Spitzing  sind über den spitzinggu@aol.com zu beziehen.